DGB fragt nach „Ausbildungsreife“ der Unternehmen

Am gestrigen Tag hat der DGB unter Federführung von Ingrid Sehrbrock seinen „Ausbildungsreport 2012“ vorgestellt. Insgesamt wurden dazu 12.039 Auszubildende in den 25 ausbildungsstärksten Berufen befragt. Der Report beklagt auf der einen Seite die sinkende Zahl der Ausbildungsbetriebe (nur noch 22,5% der Unternehmen bilden aus) und fragt gleichzeitig: „…wie ausbildungsreif sind eigentlich die Unternehmen?“ Nicht im aktuellen Report steht eine Zahl, die für die Bewertung sehr wichtig ist, und die ich deshalb hier nachliefere: 83% aller Ausbildungsplätze werden von Kleinen und Mittleren Unternehmen (KMU = bis 500 Mitarbeiter) laut IfM Bonn angeboten.

Der DGB fordert

Nach Meinung des DGB stimmt die Ausbildungsplatz-Statistik nicht, weil dort Jugendliche nicht erfasst sind, die sich in Maßnahmen der Arbeitsagentur befinden, welche z. B. ihreAusbildungsreife erlangen sollen. Ebenso will die DGB-Jugend eine Meldepflicht von freien Ausbildungsplätzen, weil sonst die Bewerber nichts von diesen Angeboten erfahren. Weitere Forderungen sind eine Ausbildungsplatzgarantie für alle Ausbildungsinteressierten, Ausbildungsvergütung, die sich an tariflichen Standards orientieren, mehr Mitbestimmungs- und Teilhabemöglichkeiten und die Garantie für die Übernahme in ein unbefristetes Vollzeitbeschäftigungsverhältnis. Viele Forderungen an die Ausbildungsunternehmen, die wie erwähnt in übergroßer Mehrheit KMU sind. Mit einem solchen Forderungskatalog kann man an die Herausforderung „Ausbildung im demographischen Wandel“ herangehen, es bleibt aber die Frage ob eine solch eindimensionale Sicht wirklich hilft, allen Jugendlichen eine faire Chance auf Ausbildung und beruflichen Aufstieg zu ermöglichen.

Ausbildungsunternehmen lösen komplexe Aufgaben

Unternehmen bilden in der Regel für den eigenen Bedarf aus, d. h. sie wenden viel Geld und Zeit auf, um den eigenen Fachkräftenachwuchs heranzubilden. Wenn also der Azubi die in ihn gesetzten Erwartungen (fachlich und menschlich) erfüllt, und sich die wirtschaftliche Lage des Unternehmens nicht drastisch verschlechtert, will der Betrieb ihn übernehmen und wird er ihn auch übernehmen. Eine positive Perspektive für junge Leute, die eine Familie gründen wollen und insgesamt am gesellschaftlichen Leben teilhaben möchten.

Den Personalverantwortlichen in den Betrieben fällt es aber immer schwerer die vakanten Ausbildungsplätze mit geeigneten jungen Menschen zu besetzen. Hier soll keineswegs eine Pauschalschelte gegen die junge Generation ausgeteilt werden, dennoch müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass viele Jugendliche heute nicht ausbildungsreif sind. Die Ausbildungsreife bemisst sich an sozialen Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Leistungsbereitschaft aber auch Höflichkeit gegenüber Kollegen und Kunden oder Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Motivation. Ebenso sind fachliche Kompetenzen wie Auffassungsgabe, Mathematik, verstehendes Lesen und das Wissen über naturwissenschaftliche Zusammenhänge wichtige Voraussetzungen für eine Berufsausbildung. Oftmals haben es Unternehmen aber mit Schulabgängern zu tun, die bei mehreren dieser Schlüsselkompetenzen mehr oder weniger Defizite aufweisen. Es soll hier gar nicht um die Frage der „Schuld“ gehen, sondern um den reinen Fakt. Mit vielen Initiativen und Partnern versucht die Wirtschaft diese Defizite zu beseitigen. Dies kann aber nur immer Teilerfolge erreichen, weil man in wenigen Wochen oder Monaten eine lebenslange Sozialisation von jungen Menschen nicht grundlegend verändern kann bzw. Schulstoff aus 9 oder10 Schuljahren nicht im Eilzugtempo nacherbeiten kann.

Verschärfend kommt der betriebswirtschaftliche Fakt hinzu. Die durchschnittliche Ausbildungsvergütung lag 2011 zw. 610 und 700 €. Viele kleine Unternehmen überansprucht diese Vergütung, zu der noch Lohnnebenkosten und die Kosten der Ausbildung hinzukommen. Wenn man die erwirtschaftete Wertschöpfung eines Auszubildenden im Mittel der drei Ausbildungsjahre errechnet, bleibt dort häufig auf Seiten des Unternehmens ein Minusbetrag stehen, insbesonders dann, wenn das Unternehmen Ausbildung ernst nimmt und entsprechende Ressourcen bereitstellt. Mit steigendem Kostendruck des Wettbewerbs und mit steigenden Vergütungsansprüchen der Azubis geraten Unternehmen häufiger in die Zwickmühle von Entweder-oder-Entscheidungen: Qualitative Abstriche bei Ausbildung zu machen bzw. gar nicht auszubilden. Beides tun sie nicht gerne, weil sie um die Auswirkungen auf den eigenen Betrieb wissen. Die Situation gleicht einem gordischen Knoten, dessen Entwirrung schier aussichtslos scheint. Trotzdem stellen sich im Wissen dieser Komplexität verantwortungsvoll mittelständische Unternehmen den Herausforderungen der globalen Wirtschaft und der Sicherung des Fachkräftenachwuchses. Gelingen kann der ganze Prozess aber nur, wenn alle Seiten die Nöte der anderen kennen und in ihre Überlegungen mit einbeziehen.

Der „Ausbildungsreport 2012“ des DGB ist ein wichtiges Stimmungsbild des Ausbildungsmarktes aus Sicht der subjektiven Sicht Azubis bzw. der Gewerkschaften. Er ist aber nicht die Beschreibung der Gesamtsituation und sollte einen solchen Anspruch auch nicht erheben. Wenn man beispielsweise den zugrundeliegenden Fragebogen betrachtet, werden schnell die methodischen Mängel des Reports klar, denn ein Azubi kann nur bedingt einschätzen, was z. B. ausbildungsfremde Tätigkeiten sind oder die fachliche Eignung der Ausbilder wirklich bewerten. Die Untersuchung zeigt ein weiteres Phänomän, was auch nicht neu ist: Die Büroberufe am Computer erfreuen sich einer großen Beliebtheit und auch einer Zufriedenheit mit der Ausbildung. Das ist gut so, doch brauchen wir auch ausreichend gut ausgebildete und motivierte Köche, Tischler, Verkäufer und Restaurantfachfrauen bzw. -männer, die zu Zeiten arbeiten, wo andere shoppen gehen oder den Feierabend im Restaurant geniesen.

Hier der „Ausbildungsreport 2012“ des DGB im Volltext

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